Taurin: Herkunft, Vorkommen und was belegt ist
Taurin hat ein Imageproblem, das mit dem Stoff selbst nichts zu tun hat. Der Name klingt nach Stier, der Stoff steckt in Energydrinks, und daraus ist eines der hartnäckigsten Gerüchte der deutschen Ernährungsdebatte geworden.
Dieser Beitrag räumt zuerst das Gerücht ab, erklärt dann, was Taurin im Körper ist, wo es vorkommt, welche Mengen als unbedenklich gelten — und was in der EU dazu gesagt werden darf. Letzteres vorweg: nichts.
Nein, Taurin ist kein Stiersperma
Die Frage steht so weit oben in den Suchmaschinen, dass sie zuerst beantwortet gehört. Taurin hat mit Stiersperma nichts zu tun, mit Ochsensperma ebenso wenig.
Der Name stammt aus dem Lateinischen. Taurus heißt Stier, und die Substanz wurde 1827 von den Heidelberger Forschern Friedrich Tiedemann und Leopold Gmelin erstmals aus Ochsengalle isoliert — aus der Gallenflüssigkeit, in der Taurin natürlicherweise vorkommt, weil es dort an Gallensäuren gebunden wird. Aus diesem Fundort wurde der Name, und aus dem Namen wurde später ein Gerücht.
Taurin für Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel wird heute synthetisch hergestellt, in der Regel ausgehend von Ethylenoxid und Natriumbisulfit. Es stammt weder aus Rindern noch aus einem anderen Tier. Damit ist es auch für eine vegane Ernährung geeignet — was praktisch relevant ist, weil pflanzliche Lebensmittel selbst kaum Taurin enthalten.
Was Taurin im Körper ist
Taurin ist streng genommen keine Aminosäure, sondern eine Aminosulfonsäure. Der Unterschied ist chemisch: Statt einer Carboxygruppe trägt es eine Sulfonsäuregruppe. Es wird deshalb auch nicht in Proteine eingebaut, sondern liegt frei in den Zellen vor.
Der Körper kann Taurin selbst bilden, ausgehend von den schwefelhaltigen Aminosäuren Cystein und Methionin. Es ist damit nicht essenziell im strengen Sinn — die Eigensynthese ist beim Erwachsenen aber begrenzt, und ein Teil der Versorgung stammt aus der Nahrung.
Besonders hohe Konzentrationen finden sich in Herzmuskel, Skelettmuskulatur, Netzhaut und Nervensystem. Was Taurin dort genau tut, ist Gegenstand der Forschung. Für die Etikettierung eines Lebensmittels spielt das keine Rolle, denn zugelassen ist dazu nichts.
Taurin, Galle und Fettverdauung
Der Fundort von 1827 ist kein Zufall. Im menschlichen Körper wird ein Teil des Taurins in der Leber an Gallensäuren gebunden; die so entstehenden Taurokonjugate gehen mit der Galle in den Darm, wo Gallensäuren an der Fettverdauung beteiligt sind. Deshalb war die Ochsengalle die ergiebigste Quelle, die den Forschern damals zur Verfügung stand.
Das beschreibt den Stoffwechsel einer körpereigenen Substanz beim Menschen. Es ist ausdrücklich kein Wirkversprechen für ein Nahrungsergänzungsmittel: Zu Taurin ist, wie unten ausgeführt, keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen, und aus einer beschriebenen Funktion folgt kein Nutzen einer zusätzlichen Zufuhr.
Taurin und Katzen
Ein Detail, das die Rolle von Taurin gut illustriert und mit dem Menschen nichts zu tun hat: Für Katzen ist Taurin essenziell. Sie können es aus Cystein und Methionin nur in sehr geringem Umfang selbst bilden und verlieren gleichzeitig über die Galle vergleichsweise viel davon. Fehlt es im Futter über längere Zeit, treten bei Katzen schwere Schäden an Netzhaut und Herzmuskel auf.
Genau deshalb ist Taurin ein Standardzusatz in Katzenfutter. Beim Menschen ist die Lage eine andere — die Eigensynthese reicht in der Normalbevölkerung aus, und ein vergleichbares Mangelbild ist nicht beschrieben. Wer den Begriff aus dem Tierfutterregal kennt, hat ihn also nicht falsch in Erinnerung, nur in einem anderen Zusammenhang.
Wo Taurin vorkommt
Die Nahrungsquellen sind eindeutig tierisch:
- Fisch und Meeresfrüchte — die reichsten Quellen, besonders Muscheln und Tintenfisch
- Fleisch, vor allem dunkles Geflügelfleisch
- Milchprodukte und Eier in geringeren Mengen
Pflanzliche Lebensmittel enthalten praktisch kein Taurin. Die durchschnittliche Zufuhr über eine gemischte Kost wird auf 40 bis 400 Milligramm pro Tag geschätzt — eine breite Spanne, weil sie vollständig davon abhängt, wie viel Fisch und Fleisch jemand isst.
Wer sich vegan ernährt, nimmt entsprechend kaum Taurin über die Nahrung auf und ist auf die körpereigene Bildung angewiesen. Ein Mangelzustand mit Krankheitswert ist daraus in der Normalbevölkerung nicht beschrieben.
Taurin in Energydrinks
Energydrinks enthalten Taurin typischerweise in Konzentrationen von 300 bis 400 Milligramm je 100 Milliliter — das sind 3 bis 4 Gramm pro Liter. Eine 250-ml-Dose liegt damit bei rund 750 bis 1.000 Milligramm.
Die wache Wirkung eines Energydrinks kommt allerdings nicht vom Taurin, sondern vom Koffein — in älterer Schreibweise Coffein. Taurin ist in diesen Getränken enthalten, ohne dass ihm dafür eine zugelassene Wirkung zugeschrieben werden dürfte.
Sicherheit: welche Mengen bewertet sind
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Taurin im Zusammenhang mit Energydrinks bewertet. Im Tierversuch wurde ein NOAEL von 1.000 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht und Tag abgeleitet — also die höchste Dosis ohne beobachtete schädliche Wirkung. Gemessen an den geschätzten Aufnahmemengen aus Energydrinks ergab sich daraus ein deutlicher Sicherheitsabstand, und Taurin wurde bei diesen Mengen nicht als Sicherheitsbedenken eingestuft.
In Humanstudien über Zeiträume von acht Wochen bis zu fünf Monaten wurden bei Zufuhrmengen um 14 bis 21 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht und Tag keine unerwünschten Wirkungen beobachtet. Für 70 Kilogramm Körpergewicht entspricht das etwa 1.000 bis 1.500 Milligramm täglich.
Diese Zahlen sind Sicherheitsangaben, keine Wirkangaben. Sie sagen, bei welchen Mengen nichts Nachteiliges beobachtet wurde — nicht, dass eine Zufuhr einen Nutzen hätte.
Pulver, Kapseln und Dosierung
Taurin wird als Taurin Pulver — im Handel auch L-Taurin Pulver — und als Kapseln angeboten. Beides ist derselbe Stoff.
- Reines Taurin als Pulver ist je Gramm günstiger und frei dosierbar. Es ist gut wasserlöslich und weitgehend geschmacksneutral, was es von den meisten Aminosäurenpulvern unterscheidet.
- Kapseln legen die Verzehrmenge über die Kapselzahl fest. Das macht die Dosierung nachvollziehbar, kostet aber Hüllenmaterial mit.
Übliche Portionsgrößen in Nahrungsergänzungsmitteln liegen zwischen 500 und 1.000 mg Taurin. Eine allgemein empfohlene Tagesmenge gibt es nicht, weil es keinen Referenzwert für Taurin gibt — der Körper bildet es selbst. Die Angaben zur Supplementation in der Fachliteratur beziehen sich auf Studienprotokolle, nicht auf eine Zufuhrempfehlung.
Für eine vegetarische oder vegane Ernährung ist synthetisches Taurin geeignet; Vegetarier und Veganer sind zugleich die Gruppe, die über die Nahrung am wenigsten davon aufnimmt.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Die angegebene empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden.
Was zugelassen ist
Zu Taurin gibt es in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Die Liste nach Verordnung (EU) Nr. 432/2012 führt den Stoff nicht. Es darf also weder zu Ausdauer noch zu Konzentration, Herz oder Regeneration etwas behauptet werden.
Was zulässig bleibt, sind sachliche Angaben: welche Menge enthalten ist, in welcher Form, und woraus das Produkt besteht. Genau darauf beschränken wir uns.
Häufige Fragen
Was ist Taurin und was bewirkt es?
Taurin ist eine Aminosulfonsäure, die im Körper frei in den Zellen vorliegt und aus Cystein und Methionin gebildet werden kann. Eine Wirkaussage ist nicht zulässig, weil dazu keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe existiert.
Ist Taurin Stiersperma?
Nein. Der Name geht auf die Erstisolierung aus Ochsengalle im Jahr 1827 zurück. Taurin für Lebensmittel wird synthetisch hergestellt und ist für eine vegane Ernährung geeignet.
Welche Nebenwirkungen hat Taurin?
In den untersuchten Mengen wurden keine unerwünschten Wirkungen beobachtet. Bei eingeschränkter Nierenfunktion, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen sollte die Einnahme ärztlich abgeklärt werden.
Ist Taurin für Veganer geeignet?
Ja. Das in Nahrungsergänzungsmitteln verwendete Taurin ist synthetisch und nicht tierischen Ursprungs. Über die Nahrung nehmen vegan lebende Menschen dagegen kaum Taurin auf.
Kurz zusammengefasst
- Taurin ist kein Stiersperma. Der Name stammt von der Erstisolierung aus Ochsengalle 1827.
- Taurin für Lebensmittel wird synthetisch hergestellt und ist vegan.
- Es ist eine Aminosulfonsäure, keine klassische Aminosäure, und wird nicht in Proteine eingebaut.
- Der Körper bildet Taurin aus Cystein und Methionin; über die Nahrung liefern vor allem Fisch, Meeresfrüchte und Fleisch.
- Die geschätzte Zufuhr aus der Nahrung liegt bei 40 bis 400 mg pro Tag.
- Energydrinks enthalten 300 bis 400 mg je 100 ml; die wache Wirkung kommt vom Koffein.
- Die EFSA leitete im Tierversuch einen NOAEL von 1.000 mg je kg Körpergewicht und Tag ab.
- Im Stoffwechsel wird ein Teil des Taurins in der Leber an Gallensäuren gebunden; das ist Biologie, kein Wirkversprechen.
- Für Katzen ist Taurin essenziell und Standardzusatz im Futter — beim Menschen ist die Lage eine andere.
- Übliche Portionsgrößen liegen bei 500 bis 1.000 mg; einen Referenzwert für Taurin gibt es nicht.
- Zu Taurin ist in der EU keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen.
Quellen
- VKM (Norwegian Scientific Committee for Food Safety): Risk assessment of „other substances" — Taurine (mit Darstellung der EFSA-Bewertung, NOAEL und Zufuhrschätzungen)
- EFSA: Scientific Opinion on the safety of caffeine — Einordnung von Energydrink-Inhaltsstoffen
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012, Anhang — Liste der zugelassenen Angaben; Taurin ist nicht enthalten.
- Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel.
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