Warum Atemwegsinfekte im Winter häufiger sind
Von Oktober bis März häufen sich Atemwegsinfekte. Die verbreitetste Erklärung dafür ist auch die falscheste: dass Kälte an sich krank macht.
Dieser Text ordnet ein, was an der Saisonalität belegt ist, welche Maßnahmen tatsächlich etwas bringen und welche gängigen Ratschläge nicht tragen. Was hier nicht steht, sind Aussagen über Lebensmittel, die vor Infektionen schützen: Solche Formulierungen sind nach Artikel 7 Absatz 3 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 unzulässig.
Warum die Saison überhaupt eine Rolle spielt
Es gibt keinen einzelnen Grund, sondern mehrere, die sich überlagern:
- Menschen sind drinnen. Der vermutlich größte Faktor. Bei Kälte verbringen wir mehr Zeit in geschlossenen Räumen, näher beieinander, bei geringerem Luftaustausch. Erreger werden von Mensch zu Mensch übertragen, nicht von der Kälte erzeugt.
- Die absolute Luftfeuchte ist niedrig. Kalte Außenluft kann wenig Wasser halten. Wird sie aufgeheizt, sinkt die relative Feuchte in Innenräumen oft unter 30 Prozent. Mehrere Atemwegsviren bleiben unter diesen Bedingungen in der Luft länger stabil.
- Der Selbstreinigungsmechanismus der Atemwege arbeitet langsamer. Die Flimmerhärchen der Atemwegsschleimhaut transportieren Schleim und darin gefangene Partikel nach oben ab. In kalter, trockener Luft läuft dieser Abtransport träger.
- Weniger Sonnenlicht. Von Oktober bis März steht die Sonne in Mitteleuropa zu flach für die Vitamin-D-Bildung in der Haut. Ob und wie stark sich das auf die Infektanfälligkeit auswirkt, ist Gegenstand laufender Forschung und nicht abschließend geklärt.
Was in dieser Liste fehlt: dass kalte Luft, nasse Haare oder kalte Füße eine Infektion auslösen. Das tun sie nicht. Ohne Erreger passiert nichts.
Die Maßnahmen mit der besten Evidenz
Alle wirksamen Maßnahmen setzen an der Übertragung an, nicht am Speiseplan:
| Maßnahme | Wie sie wirkt | Praktisch |
|---|---|---|
| Hände waschen | Unterbricht die Schmierübertragung über Oberflächen und Hände | Mit Seife, 20 bis 30 Sekunden, nach Heimkommen und vor dem Essen |
| Stoßlüften | Senkt die Konzentration virushaltiger Aerosole im Raum | Alle 20 bis 30 Minuten wenige Minuten quer lüften, Fenster ganz auf |
| Zu Hause bleiben, wenn man krank ist | Die einzige Maßnahme, die eine Übertragungskette ganz unterbricht | Gilt auch bei „nur einer Erkältung“ |
| Nicht ins Gesicht fassen | Erreger gelangen über Augen, Nase und Mund in den Körper | Schwer umzusetzen, aber wirksam |
| Raumluftfeuchte 40 bis 60 % | Hält Schleimhäute funktionsfähig, Aerosole sinken schneller ab | Hygrometer für wenige Euro; Luftbefeuchter nur mit regelmäßiger Reinigung |
| In die Armbeuge niesen | Hält Tröpfchen von Händen und Oberflächen fern | — |
Impfempfehlungen für die Wintersaison sind ärztlich zu besprechen und nicht Gegenstand dieses Textes.
Fünf Ratschläge, die nicht tragen
„Kalte Füße machen krank“
Auskühlung allein erzeugt keine Infektion. Erkältungen werden durch Viren verursacht. Frieren ist unangenehm und man sollte es vermeiden, aber es ist keine Ansteckungsquelle.
„Ingwertee wirkt entzündungshemmend“
„Entzündungshemmend“ ist eine arzneiliche Aussage und für Lebensmittel unzulässig. Zu Ingwer gibt es in der EU ohnehin keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe, seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 30. April 2025 auch keine Übergangsregelung mehr. Ein warmer Tee tut gut, weil er warm ist und man dabei trinkt.
„Vitamin C beugt Erkältungen vor“
Diese Aussage ist nicht zulässig und auch nicht gut belegt. Übersichtsarbeiten finden bei regelmäßiger Einnahme keine verlässliche Vorbeugung bei normal versorgten Erwachsenen und bei der Krankheitsdauer allenfalls einen geringen Unterschied. Daraus folgt keine zulässige gesundheitsbezogene Angabe, und wir bewerben kein Produkt damit. Zulässig ist allein, dass Vitamin C zu einer normalen Funktion des Immunsystems beiträgt.
„Ein Luftreiniger ersetzt das Lüften“
Ein guter Filter senkt die Aerosolkonzentration, tauscht aber keine Luft aus und entfernt kein Kohlendioxid. Als Ergänzung in Räumen, die sich schlecht lüften lassen, ist er sinnvoll. Als Ersatz nicht.
„Nahrungsergänzung stärkt die Abwehr“
„Stärkt“ ist keine zugelassene Formulierung. Zulässig ist, dass zehn Nährstoffe zu einer normalen Funktion des Immunsystems beitragen. Wer bereits ausreichend versorgt ist, hebt damit nichts über das Normalmaß hinaus.
Ein besonderer Tip für Dich!
Ein Hygrometer kostet unter zehn Euro und ist in der Heizperiode aufschlussreicher, als die meisten erwarten: In vielen Wohnungen fällt die relative Luftfeuchte im Januar unter 25 Prozent. Eine Schale Wasser auf der Heizung ändert daran kaum etwas, regelmäßiges Stoßlüften und Wäschetrocknen im Raum dagegen schon.
Was sich über Nährstoffe sagen lässt
Zehn Nährstoffe tragen eine zugelassene Angabe zur normalen Funktion des Immunsystems: Vitamin A, B6, B12, C, D, Folat, Zink, Selen, Eisen und Kupfer. Verwendet werden darf die Angabe, wenn eine Portion mindestens 15 Prozent der Referenzmenge liefert. Mehr dazu, mit Mengen und Lebensmittelquellen, steht im verlinkten Artikel unten.
Der Nährstoff mit dem eindeutigsten saisonalen Versorgungsproblem in Deutschland ist Vitamin D; unabhängig von der Jahreszeit sind auch Jod und Folat in der Bevölkerung häufig knapp. Ob eine Ergänzung sinnvoll ist, hängt vom Ausgangswert ab und lässt sich über eine Blutuntersuchung klären.
Wann ärztlicher Rat angebracht ist
- bei Fieber über drei Tage oder über 39 °C
- bei Atemnot oder Brustschmerz
- wenn sich der Zustand nach anfänglicher Besserung wieder verschlechtert
- bei Beschwerden, die länger als zwei Wochen anhalten
- bei Vorerkrankungen der Atemwege oder des Herzens
Neben der Infektionslage spielt im Winter auch die Raumluft eine Rolle. Was Heizungsluft und Trinkmenge damit zu tun haben, steht in Atemwege im Winter: Ernährung und Luftqualität.
Häufige Fragen
Sollte man im Winter weniger lüften?
Nein. Stoßlüften mit ganz geöffnetem Fenster tauscht die Luft in wenigen Minuten aus, ohne die Wände auszukühlen. Dauerhaft gekippte Fenster sind dagegen ineffizient und kosten Heizenergie.
Hilft Sport, weniger krank zu werden?
Moderate, regelmäßige Bewegung gehört zu den wenigen Lebensstilfaktoren mit belegtem Zusammenhang zur Infektanfälligkeit. Sehr intensive Belastung ohne ausreichende Erholung wirkt eher in die Gegenrichtung.
Wie lange ist man ansteckend?
Bei den meisten Erkältungsviren beginnt die Ansteckungsfähigkeit kurz vor den ersten Symptomen und ist in den ersten Tagen am höchsten. Sie kann darüber hinaus fortbestehen, deshalb ist Abstand auch bei nachlassenden Beschwerden sinnvoll.
Kurz zusammengefasst
- Nicht die Kälte macht krank, sondern die Erreger, denen man drinnen näher kommt.
- Die beste Evidenz haben Händewaschen, Lüften und zu Hause bleiben, wenn man krank ist.
- 40 bis 60 Prozent Raumluftfeuchte sind das realistische Ziel in der Heizperiode.
- Kalte Füße, Ingwertee und Vitamin-C-Brausetabletten leisten nicht, was ihnen zugeschrieben wird.
- „Stärkt das Immunsystem“ ist keine zulässige Aussage.
Quellen
- Robert Koch-Institut
- infektionsschutz.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012: Liste zulässiger gesundheitsbezogener Angaben
- EU-Register der gesundheitsbezogenen Angaben
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