Fermentierte Lebensmittel wie Joghurt, Sauerkraut und Kefir

Präbiotika und Probiotika: was zugelassen ist

Kaum ein Feld wird so frei beworben wie die Darmgesundheit, und kaum eines ist rechtlich so eng. Für Probiotika gibt es in der EU keine einzige zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. In Deutschland gilt sogar schon das Wort „probiotisch“ auf einer Verpackung als unzulässige Angabe, weil es eine gesundheitliche Wirkung suggeriert.

Es gibt aber zwei Ausnahmen in diesem Themenfeld, die fast nie genannt werden. Dieser Text sortiert beides.

Der Unterschied

  • Präbiotika sind unverdauliche Kohlenhydrate, die den Bakterien im Dickdarm als Substrat dienen. Typisch: Inulin und Oligofruktose aus Chicorée, Topinambur, Zwiebeln, Lauch und Hafer.
  • Probiotika sind lebende Mikroorganismen, meist Milchsäure- und Bifidobakterien, die über Lebensmittel oder Präparate aufgenommen werden.

Beide Begriffe sind im Lebensmittelrecht nicht als Wirkkategorien anerkannt. Die Frage ist nie „ist es probiotisch“, sondern immer „gibt es für diesen konkreten Stoff in dieser Menge eine zugelassene Angabe“.

Die zwei Ausnahmen

Chicorée-Inulin

„Chicorée-Inulin trägt zur Aufrechterhaltung einer normalen Darmfunktion durch Erhöhung der Stuhlfrequenz bei.“

Das ist die einzige zugelassene Angabe im präbiotischen Bereich. Die Bedingung: mindestens 12 Gramm Chicorée-Inulin pro Tag. Das ist eine erhebliche Menge — sie bringt bei vielen Menschen zunächst Blähungen mit sich und sollte einschleichend aufgebaut werden.

Lebende Joghurtkulturen

„Lebende Kulturen in Joghurt oder fermentierter Milch verbessern die Laktoseverdauung des Produkts bei Personen, die Laktose schlecht verdauen.“

Bedingung: mindestens 10⁸ koloniebildende Einheiten lebender Kulturen je Gramm. Sie betrifft die Verdauung der Laktose im Produkt selbst, nicht die Laktoseintoleranz allgemein.

Weitere Ballaststoffe mit zugelassener Angabe

Für „Ballaststoffe fördern die Verdauung“ als allgemeine Aussage gibt es keine Zulassung. Für einzelne, klar definierte Ballaststoffe schon:

Ballaststoff Zugelassene Angabe Bedingung
Weizenkleie-Ballaststoffe tragen zur Beschleunigung der Darmpassage bei mind. 10 g/Tag
Weizenkleie-Ballaststoffe tragen zur Erhöhung des Stuhlvolumens bei mind. 10 g/Tag
Roggenballaststoffe tragen zu einer normalen Darmfunktion bei mind. 6 g/Tag
Beta-Glucan aus Hafer und Gerste trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei mind. 3 g/Tag

Vier verbreitete Aussagen, die nicht tragen

„Probiotika stärken das Immunsystem“

Für Probiotika ist keine einzige gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat alle eingereichten Anträge abgelehnt, meist weil sich der behauptete Effekt nicht ausreichend belegen ließ oder weil die untersuchten Stämme nicht hinreichend charakterisiert waren.

„70 Prozent des Immunsystems sitzen im Darm“

Diese Zahl geistert durch jeden Ratgebertext. Sie stammt aus der Beobachtung, dass ein großer Teil der Lymphozyten in darmassoziiertem Gewebe liegt, ist aber nie sauber quantifiziert worden und wird je nach Quelle mit 60, 70 oder 80 Prozent angegeben. Auch wenn sie ungefähr stimmt, folgt daraus keine Wirkung eines Präparats.

„Probiotika wirken entzündungshemmend“

Das ist eine arzneiliche Aussage und für Lebensmittel nach Artikel 7 Absatz 3 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 unzulässig.

„Synbiotika verstärken sich gegenseitig“

Kombinationswirkungen sind nicht zugelassen. Für eine Angabe müsste die Kombination als solche belegt und zugelassen sein — sie ist es nicht.

Ein besonderer Tip für Dich!

Wer Ballaststoffe erhöht, sollte gleichzeitig mehr trinken und die Menge über zwei bis drei Wochen steigern statt an einem Tag. Der Dickdarm braucht Zeit, sich anzupassen, und die typischen Blähungen am Anfang sind der Grund, warum die meisten Versuche nach vier Tagen abgebrochen werden. Zwölf Gramm Inulin auf einmal sind für die wenigsten angenehm.

Was trotzdem sinnvoll bleibt

Dass es keine Angabe gibt, heißt nicht, dass die Lebensmittel schlecht wären. Joghurt, Kefir, Sauerkraut und Kimchi sind gute Lebensmittel. Zwiebeln, Lauch, Hafer, Hülsenfrüchte und Vollkorn liefern Ballaststoffe, und die Ballaststoffzufuhr liegt in Deutschland bei den meisten Menschen unter der Empfehlung von 30 Gramm am Tag.

Der Unterschied ist nur: Man isst sie, weil sie gute Lebensmittel sind, nicht weil auf der Packung ein Versprechen steht.

Wann ärztlicher Rat angebracht ist

  • bei anhaltender Änderung der Stuhlgewohnheiten über mehr als zwei bis drei Wochen
  • bei Blut im Stuhl, ungewolltem Gewichtsverlust oder nächtlichen Beschwerden
  • bei Verdacht auf Reizdarmsyndrom oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung
  • bei stark geschwächtem Immunsystem, bevor lebende Kulturen als Präparat eingenommen werden
  • nach einer Antibiotikatherapie, wenn Beschwerden anhalten

Häufige Fragen

Helfen Probiotika nach Antibiotika?

Eine zugelassene Angabe dazu gibt es nicht. Die Studienlage ist uneinheitlich und die Ergebnisse hängen stark vom Stamm ab. Bei anhaltenden Beschwerden nach einer Antibiotikatherapie ist der ärztliche Weg der richtige.

Ist teuer gleich besser bei Probiotika-Präparaten?

Der Preis sagt nichts über die Wirkung, weil es keine belegte und zugelassene Wirkung gibt, an der sich etwas messen ließe. Wer ein Präparat nimmt, achtet sinnvollerweise auf die namentliche Stammangabe und die Keimzahl bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum.

Warum darf „probiotisch“ nicht auf die Packung?

Weil der Begriff nach deutscher Rechtsprechung eine gesundheitliche Wirkung suggeriert und damit eine gesundheitsbezogene Angabe im Sinne der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 darstellt — für die keine Zulassung existiert.

Wie viel Ballaststoffe am Tag?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt mindestens 30 Gramm täglich. Der tatsächliche Durchschnitt liegt deutlich darunter.

Kurz zusammengefasst

  • Für Probiotika gibt es in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe.
  • Zwei Ausnahmen im Themenfeld: Chicorée-Inulin ab 12 g/Tag und lebende Joghurtkulturen für die Laktoseverdauung.
  • Vier definierte Ballaststoffe tragen eigene Angaben, jeweils mit Mindestmenge.
  • Die 70-Prozent-Zahl zum Immunsystem im Darm ist unbelegt und begründet nichts.
  • Ballaststoffe langsam steigern und dabei mehr trinken.

Quellen

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