Buntes Obst und Gemüse mit antioxidativ wirksamen Nährstoffen

Antioxidantien: was Zellschutz bedeutet und was nicht

„Reich an Antioxidantien“ steht auf sehr vielen Packungen und bedeutet rechtlich nichts. Die Angabe, um die es eigentlich geht, ist an einzelne Nährstoffe gebunden, nicht an eine Kategorie — und bei zwei davon ist mehr nicht besser, sondern nachweislich schlechter.

Dieser Text nennt die acht Stoffe, für die etwas gesagt werden darf, und die beiden, bei denen Vorsicht angebracht ist. Was hier nicht steht, sind Aussagen über Krankheiten: Für Lebensmittel sind sie nach Artikel 7 Absatz 3 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 unzulässig.

Was oxidativer Stress ist

Im Stoffwechsel entstehen ständig reaktive Sauerstoffverbindungen, umgangssprachlich freie Radikale. Sie sind kein Betriebsunfall: Der Körper nutzt sie unter anderem in der Immunabwehr und in der Signalübertragung zwischen Zellen. Gleichzeitig hält er ein eigenes Schutzsystem vor, etwa die Enzyme Superoxiddismutase und Glutathionperoxidase.

Von oxidativem Stress spricht man, wenn Entstehung und Abbau aus dem Gleichgewicht geraten. Daraus folgt aber nicht, dass mehr Antioxidantien besser wären — ein Körper, der freie Radikale gezielt einsetzt, braucht sie nicht vollständig abgeräumt.

Die acht, für die etwas gesagt werden darf

Der zugelassene Wortlaut lautet: „trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen“. Er gilt für genau sieben Nährstoffe, verwendbar ab 15 Prozent der Referenzmenge pro Portion:

Nährstoff Referenzmenge Gute Quellen
Vitamin C 80 mg Sanddorn, Hagebutte, Paprika, Grünkohl, Brokkoli
Vitamin E 12 mg Sonnenblumenöl, Weizenkeime, Mandeln, Haselnüsse
Zink 10 mg Käse, Kürbiskerne, Haferflocken, Linsen
Selen 55 µg Paranüsse, Fisch, Eier, Fleisch
Kupfer 1 mg Nüsse, Vollkorn, Kakao
Mangan 2 mg Vollkorn, Haferflocken, Nüsse, schwarzer Tee
Riboflavin (B2) 1,4 mg Milchprodukte, Eier, Vollkorn, Champignons

Dazu kommt ein einziger Pflanzenstoff, und er ist kaum bekannt:

„Olivenöl-Polyphenole tragen dazu bei, die Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen.“

Bedingung: 20 Gramm Olivenöl am Tag, die mindestens 5 Milligramm Hydroxytyrosol und dessen Derivate liefern. Das schaffen native Öle erster Güteklasse, raffinierte in der Regel nicht.

Was keine Angabe trägt

Für Beta-Carotin, Lycopin, Anthocyane, Flavonoide, Resveratrol, Katechine aus grünem Tee, Quercetin und Curcumin gibt es keine zugelassene Angabe zum Zellschutz. Bei den botanischen darunter gilt seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 30. April 2025 auch keine Übergangsregelung mehr.

Ebenfalls hinfällig ist der ORAC-Wert, mit dem die „antioxidative Kapazität“ von Lebensmitteln jahrelang beworben wurde. Das US-Landwirtschaftsministerium hat seine ORAC-Datenbank 2012 zurückgezogen, weil sich die im Reagenzglas gemessenen Werte nicht auf den Menschen übertragen ließen. Wer heute noch mit ORAC wirbt, wirbt mit einer zurückgezogenen Kennzahl.

Zwei Fälle, in denen mehr schlechter ist

Beta-Carotin als hoch dosiertes Präparat

Zwei große Interventionsstudien der 1990er Jahre gaben Rauchern und Asbestexponierten hoch dosiertes Beta-Carotin — und mussten vorzeitig abgebrochen werden, weil in der Behandlungsgruppe mehr Lungenkrebsfälle auftraten als in der Kontrollgruppe. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät Rauchenden deshalb von Beta-Carotin-Präparaten ab. Beta-Carotin aus Karotte, Kürbis und Süßkartoffel ist davon nicht betroffen.

Hoch dosiertes Vitamin E

Für Vitamin-E-Präparate in hohen Dosierungen ließ sich in großen Studien kein Nutzen zeigen, und es gibt Hinweise auf ungünstige Effekte. Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel eine Tagesmenge von höchstens 30 Milligramm.

Bei laufender Krebsbehandlung gehören hoch dosierte Antioxidantien grundsätzlich vorher mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprochen.

Ein besonderer Tip für Dich!

Zwei Paranüsse decken je nach Herkunft bereits die Tagesmenge Selen, manchmal ein Vielfaches davon — der Gehalt schwankt mit dem Anbauboden stärker als bei fast jedem anderen Lebensmittel. Als tägliche Selenquelle sind sie also praktisch, als Handvoll-Snack keine gute Idee.

Was praktisch daraus folgt

  • Die Zellschutz-Angabe hängt am einzelnen Nährstoff, nicht am Lebensmittel und nicht an einer Farbe.
  • Über Lebensmittel sind die sieben Nährstoffe gut erreichbar; über Präparate ist mehr nicht besser.
  • Natives Olivenöl ist der einzige Fall, in dem ein Pflanzenstoff selbst eine Angabe trägt.
  • Vitamin C ist hitze- und lichtempfindlich: kurz garen, kühl und dunkel lagern.
  • Fettlösliche Carotinoide brauchen Fett und Hitze, um gut aufgenommen zu werden.

Häufige Fragen

Bekämpfen Antioxidantien freie Radikale?

Als Werbeaussage ist das nicht zulässig. Zugelassen ist allein, dass die sieben genannten Nährstoffe dazu beitragen, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen.

Sind Beeren besonders reich an Antioxidantien?

Beeren sind gute Lebensmittel, aber die Anthocyane, für die sie bekannt sind, tragen keine zugelassene Angabe. Die messbaren Vitamin-C-Gehalte liegen deutlich unter denen von Paprika, Grünkohl oder Sanddorn.

Brauche ich ein Antioxidantien-Präparat?

Bei ausgewogener Ernährung in der Regel nicht. Bei Beta-Carotin und Vitamin E sprechen die Daten sogar gegen hohe Dosierungen.

Was ist mit Vitamin E in der Hautpflege?

Kosmetische Anwendungen fallen unter das Kosmetikrecht und nicht unter die Health-Claims-Verordnung. Für Lebensmittel gilt, was oben steht.

Kurz zusammengefasst

  • „Antioxidantien“ ist keine Kategorie, für die etwas ausgelobt werden darf.
  • Sieben Nährstoffe tragen die Zellschutz-Angabe: Vitamin C, Vitamin E, Zink, Selen, Kupfer, Mangan, Riboflavin.
  • Der einzige Pflanzenstoff mit eigener Angabe sind Olivenöl-Polyphenole, ab 20 g nativem Öl täglich.
  • ORAC wurde 2012 zurückgezogen und sagt nichts aus.
  • Hoch dosiertes Beta-Carotin ist für Rauchende nicht empfohlen; für Vitamin E gilt eine BfR-Empfehlung von 30 mg täglich aus Präparaten.

Quellen

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